#klischeefrei
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So hat dich dein Gehirn im Griff

Tratschmänner und Mathemädels

Frauen können nicht Autofahren, Jungs sind besser in Mathe und Physik, Frauen tratschen. Das ist in unserer Gesellschaft allgemein festgesetzt und bleibt weiter in den Köpfen, obwohl einige dieser Vorurteile nicht nur in meiner Familie, sondern bereits seit langem durch aussagekräftige Studien widerlegt wurden. So sind beispielsweise Mädchen in den Naturwissenschaften in einigen Ländern stärker als Jungen (Pisa-Studie) und Frauen reden laut einer Studie der Universität von Arizona nicht mehr als ihre männlichen Kollegen.

Klischees existieren nicht nur im Unterschied zwischen den Geschlechtern. Auch unterschiedlichen Nationalitäten spricht man unterschiedliche Eigenschaften zu. Und auch Zugehörige von Berufsgruppen werden gerne in Schubladen gesteckt.

Woher die Macht?

Doch warum haben Klischees eine solche Macht, dass wir sie nicht loswerden? Einer der seit langem erforschten Ursachen: Menschen fühlen sich gerne bestätigt. Reist man beispielsweise nach England und es regnet die Hälfte der Urlaubstage, so bleiben diese Tage gleich viel besser im Gedächtnis hängen, und man fühlt sich in seiner Annahme, in England würde es immer regnen, bestätigt, während die sonnigen Stunden der anderen Urlaubshälfte vollkommen in Vergessenheit geraten.

Beziehen wir es auf die Geschlechterklischees, so wird sich sicher jeder von uns daran erinnern, sich am Parkplatz bereits mehr als einmal über einen Waagen beschwert zu haben, der seltsam hin- und hermanövriert wurde – "natürlich" mit Frau am Steuer. Die zahlreichen Male, bei denen wir feststellen, dass es sich doch um einen männlichen Fahrer handelte, erinnern wir uns schon am nächsten Tag nicht mehr. Kurzum: Situationen, die unsere Annahmen widerlegen, bleiben unterbewusst weit schlechter hängen, als Erlebnisse, in denen sie sich erfüllen.

Woher kommen Klischees?

Bevor wir unsere Voreingenommenheit bestätigt sehen, muss sich diese jedoch erst bilden. Woher kommen diese Klischees also überhaupt? Nun, Vorurteile oder Stereotypen sind nichts ursprünglich Schlechtes. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der seine "Artgenossen", die ihm möglichst ähnlich sind, am meisten Vertrauen schenkt. Unterschiede in der Hautfarbe oder dem Geschlecht fallen da mehr ins Gewicht als die eigentlich überwiegenden Gemeinsamkeiten.

Zudem dient diese Art der Pauschalisierung der Vereinfachung für unser Gehirn. Wir versuchen die Welt zu ordnen und denken daher in Kategorien, in Stereotypen. So können wir mit bestimmten Beobachtungen schnell bestimmte Eigenschaften verbinden. Das entlastet quasi unser Gehirn.

Und die Erziehung?

Auch die Erziehung und die Geschichte spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Da Frauen über Jahrtausende deutlich weniger Rechte und rein "unmännliche" Pflichten hatten (selbst im alten Griechenland durften weibliche Personen nicht wählen und aus den Zeiten des Mittelalters lässt sich keine weibliche Ritterin nachweisen), so ist es kaum verwunderlich, dass sich auch heute Klischees aufrechterhalten. Durch Filme, Serien oder Werbung werden sie am Leben gehalten. Achtet mal drauf! Oft sitzen Frauen in Werbespots tiefer als Männer: Männer sind mächtiger! Frauen werden seltener mit Bildungsattributen dargestellt. Häufig sind sie es, die die Fragen stellen, während der "wissende Mann" antwortet. In Filmem oder Serien können sich die Jungs mit den männlichen Ärzten oder Rechtsanwälten identifizieren, während Frauen oft erst über die Männer eine Rolle erhalten, wie zum Beispiel die Frau von …, die Sekretärin von … Dadurch, dass Film und Fernsehen in unserer Gesellschaft eine große Rolle spielen, halten wir die Klischees ebenfalls am Leben.

Wie weiter?

Das alles zusammen macht es uns schwer, und zwar als Mädchen und als Jungen. Denn ein Klischee ergibt oft einen Teufelskreis. Herrscht das Klischee vor, Jungs seien besser in Mathe als Mädchen, so trauen sich viele Mädchen erst gar nicht an naturwissenschaftliche und technische Aufgabenstellungen heran. Genauso ist es mit dem Klischee, Mädchen seien besser in Handarbeit als Jungen, oder Männer können nicht gut mit Kindern umgehen.

 

Hier zwischendurch mal Gegenbeispiele. Interviews von Frauen, die in "Technikwelten" arbeiten mit tollen Tipps für weibliche Technik-Freaks: http://www.komm-mach-mint.de/MINT-Life/MINT-Interviews

Sowie einige Beispiele von Männern in den sogenannten SAHGE-Berufen (Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit und Pflege, Erziehung und Bildung): https://www.boys-day.de/Jungen/Zukunft-Beruf/Jungs-in-Boys-Day-Berufen

 

Selbst erlebt

Ich, als vielseitig interessiertes Mädchen, habe mich während meiner Schulzeit sowie in den Ferien auf Workshops und Seminaren wiedergefunden, die thematisch von sozialem Engagement, Debattieren und Schreiben hin zu naturwissenschaftlicher Forschung, Mathematik und Informatik reichten und habe auch dabei eindeutig "Klischeeauswirkungen" feststellen können.

Alleine an den Unterschieden der Geschlechterverhältnisse je nach Thema der Veranstaltung waren diese nicht zu übersehen. So fand ich mich auf einem Informatikcamp als eines von zehn Mädchen unter 50 Teilnehmenden wieder. In der Mentorenausbildung fürs Geräteturnen hingegen ließ sich kein einziger Junge blicken und auch im Schreibworkshop war das männliche Geschlecht in der Unterzahl.

Dennoch trägt der spezielle Fokus, das jeweils unterrepräsentierte Geschlecht anzuwerben, den diese Programme oft verfolgen, zu einem Wandel bei. Auch Angebote wie der Girls’Day  und der Boys’Day halte ich für sinnvoll. Ich selbst habe acht Mal beim Girls’Day mitgemacht und dabei Einblicke in den Aufbau eines Automotors, dem Programmieren eines Computerarztes, den Alltag eines Schornsteinfegers und vieles mehr erhalten. #klischeefrei

Welchen Klischees begegnet ihr immer wieder? Sagt es auf Facebook, Instagram oder Twitter #klischeefrei.

Foto: Tim Reckmann  / pixelio.de