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Perlen im Sumpf

Holm hat längst erkannt, dass er mit Dating-Apps selten echte Perlen findet. Er gibt ein paar Hinweise an sich selbst.

Tinder und andere Dating-Apps laufen bei mir den ganzen Tag. Wenn ich freie Zeit habe, werfe ich einen Blick in meine Chats, schaue mir neue Bilder an und spiele das Match-Spiel. Es ist zu verlockend. Immer ist irgendwas los, entweder jemand schreibt, oder es gibt neue Fotos, oder neue Menschen in meiner Nähe, oder jemand hat mein Profil besucht und ich versuche herauszubekommen, wer das war. Natürlich am besten, ohne Geld auszugeben.

Dating-Apps sind Mainstream geworden, zumindest ab 23 abwärts. Die alten Leute werden noch nicht so recht damit warm und die Ü25-Charaktere, die man trifft, sind in der Regel eher verschroben. Die Jüngeren lassen sich im Wesentlichen in zwei Fraktionen einteilen: Die, die auf der Suche nach Abenteuern sind und sich ausleben wollen, und die, die auf Teufel komm raus eine Beziehung über die Apps finden wollen.

Auch ich kann mich dem Reiz nicht entziehen. Es ist so leicht, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, gerade wenn man, wie ich, besser mit Frauen zurechtkommt. Viele meiner heute engsten Vertrauten habe ich über Apps kennen gelernt.

Ware im Sonderangebot

Sie alle funktionieren nach ein paar sehr einfachen Prinzipien: Männer sind ihren Trieben ausgeliefert und bereit, für die Aussicht auf Befriedigung zu bezahlen. Das Ganze ist aufgebaut wie ein riesiger Selbstbedienungsladen mit ganz viel verführerischer Ware im Sonderangebot. Es scheint so leicht, hunderte hübsche Frauen kennen zu lernen – glaubt Mann zumindest. Es ist auch kein Wunder, dass Dating-Dienste gerade in Großstädten besonders beliebt sind, den kältesten und einsamsten Orten dieser Welt. Leute im echten Leben kennenzulernen, ist anstrengend, 100 Likes an einem Abend verteilen, nicht.

Alle Menschen streben nach Anerkennung, natürlich auch die Frauen. Und so sammeln sie emsig und freudig ihre 800 Likes für ein halbnacktes Foto und destillieren daraus ihr Selbstbewusstsein. Zumindest nennen sie das so, denn tatsächlich geben sie den Männern einfach ihre Überheblichkeit zu spüren. Es ist darum schon sehr wagemutig, eine Frau ohne Match anzuschreiben; auf eine Antwort sollte man besser nicht wetten.

Ab ins Speed-Dating

Die neue Dating-Welt schlägt sich natürlich auch in der Kommunikation nieder. Wer etwa auf Tinder ist, wo man schon nach einem Sekundbruchteil wieder von der Bildfläche gewischt werden kann, muss sehr speziell kommunizieren. Klar zählt auch hier wie in einer Bar oder in der Uni-Mensa der erste Eindruck, aber das Tinder-Herz des anderen kann man eben nur mit ein paar Bildern und Profilsätze ergattern – keine Mimik, keine Gestik, kein Lachen!

Es geht das Gerücht, dass das Verhältnis von Männern zu Frauen bei Dating-Apps etwa ein Drittel zu zwei Drittel ist. Entsprechend viel Auswahl hat das weibliche Geschlecht und klickt schneller und häufiger weg, als wir Männer. Kommt es doch zum Match, folgt in den meisten Fällen eine Art Speed-Dating mit absoluten Standardfragen wie "Was arbeitest du?", "Was sind deine Hobbys?", "Wie heißt du wirklich?".

Rohe Kommunikation

Die Kommunikation in Apps wie Tinder ist roh. Beide Gesprächspartner reduzieren ein normales Gespräch auf die eigenen Triebe. Erst neulich las ich zum Beispiel: "Bin zur Ablenkung hier. Komplimente machen mich glücklich." In der Anonymität und mit der Gewissheit von 30 anderen Matches, wird eben nicht mehr so sehr auf Höflichkeit und Anstand geachtet und es treten Muster zu Tage: Männer wollen Frauen nackt sehen. Und Frauen wollen hofiert werden (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel).

Und der Selbstbedienungsladen funktioniert, zumindest wenn man weiß, wie man sich durch ihn zu bewegen hat: Single-Freunde berichten von einer immensen Aufwertung ihres Sexlebens – statt wie früher einmal in zwei Monaten können sie mit den Apps locker auf eine nette Nacht in der Woche kommen, allerdings nur die mit genug Kommunikationstalent und den richtigen Bildern. Allerdings ist dafür immens schwer, die wahre Liebe bei Tinder und Co. zu finden. Um auf solche seltenen Perlen zu stoßen, muss man eine sehr lange Zeit durch einen tiefen Sumpf waten.

Tindern hat seinen Reiz

Tindern hat seinen Reiz, vor allem am Anfang, wenn alles neu und unbekannt ist und auch die Matches nicht ausbleiben. Irgendwann ebbt die Begeisterung zwar ab – wenige Matches, schlechte Chats, verrückte Menschen. Aber neue Nachrichten oder Matches, der spielerische Charakter und die eigene Einsamkeit holen einen immer wieder zurück. Erst wenn man sich in einer halbwegs festen Beziehung befindet, flaut das Interesse ab. Ansonsten sind die größten Aussteiger für Männer der Frust und für Frauen das Überangebot und die immer gleichen Gespräche.

Was ist mein Fazit? Tinder ist im Grunde wie Chatten und beeinflusst unser Leben demnach auch nicht viel mehr als das. Denn ob ich jemanden erst im echten Leben kennenlerne und dann mit ihm schreibe, oder umgekehrt, spielt in meinen Augen keine große Rolle. Und doch schafft Tinder neue Probleme, denn durch die Nutzung auf dem Smartphone hat man ständig ein vermeintliches Überangebot an potenziellen (Sex-)Partnern vor Augen und im Kopf, dem man nur durch Selbstdisziplin und konsequentes Abschalten entkommen kann. Menschen kennenlernen ist also per App leichter geworden, aber sicher nicht einfacher!

Und hier noch meine Tinder-Tipps:

  • Wer zuletzt matched, schreibt zuerst.
  • Kennenlernen soll Spaß machen. Spaß ist das Gegenteil von "etwas Ernstem". Suche nach nichts Ernstem, habe Spaß und lass es auf dich zukommen.
  • Wenn du abends nicht der letzte warst, der geschrieben hat, und du Interesse hast, schreibst du zuerst wieder.
  • Bist du ein Mann, dann übertreib es nicht mit dem Schreiben. Wenn sie möchte, wird sie dir schon antworten, wenn nicht, dann bist du immerhin schlauer.
  • Wer klug ist, lädt sich die App auf den PC.
  • Schreibe erst und bekomme ein Gefühl für den Anderen. Nur dann lohnt sich ein Treffen, ansonsten hörst du oft "Der Funke ist irgendwie nicht übergesprungen".
  • Sie sehen meistens nicht wie auf den Bildern aus.

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