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"Virtuelle Freunde enttäuschen"

Was macht echte Freunde aus? Jugendforscher Ingo Leven weiß, wie uns Menschen nah sein können.

Sie als Freundschafts-Experte: Was ist eigentlich ein Freund?

Eine Freundschaft besteht im nahen sozialen Umfeld. Freunde sind Menschen, denen man sich anvertrauen kann. Bei denen man sich auch mal fallen lassen und über die Dinge sprechen kann, die einen beschäftigen. Den meisten sind Spaß, Vertrauen und Zusammenhalt in einer Freundschaft am wichtigsten.

Ändert sich unser Verständnis von Freundschaft durch Social Media?

Schauen wir uns das alltägliche Verhalten an: Das Miteinander von Freunden im Real Life und das Chatten muss unterschieden werden. Chatten ist eher eine lose und unverbindliche Kommunikation. Viele haben aber das Gefühl, ständig online sein zu müssen, weil sie sonst etwas verpassen könnten. Manche Eltern geben es jetzt schon auf, ihren Kindern das Smartphone am Esstisch zu verbieten. Andererseits kann man durch soziale Medien aber auch mit Freunden in Kontakt bleiben, die tausende Kilometer entfernt wohnen.

Social Media hat also teilweise positive Auswirkungen auf Freundschaften.

Ja, man kann einfach viel mehr Leute an seinem Leben teilhaben lassen – zum Beispiel Jugendliche, die Familie im Ausland haben. Man kann Bilder hochladen oder einen Blog schreiben. Das sorgt für eine Nähe zu den Freunden oder Verwandten – auch wenn man sich nur ein- oder zweimal auf Familienfeiern getroffen hat.

Was halten Sie von rein virtuellen Freundschaften?

Ich glaube, dass sie bislang eher Randphänomene sind. Meistens haben digital geführte Freundschaften auch einen Bezugspunkt im echten Leben, denn Freundschaften sind ja ein wesentlicher Bestandteil unseres Alltags. Man kommt beispielsweise in die Schule und findet fast zwangsläufig Freunde im Klassenverbund. Oder man findet Freunde in seiner Freizeit, beim Sport oder wenn man sich gemeinsam mit anderen künstlerisch betätigt. Doch das wird sich ändern: In Zukunft wird es mehr rein virtuelle Freundschaften geben, die dann durchaus auch das ganze Leben halten können. Denn sich in echt über den Weg zu laufen, ist heute bei all den sozialen Medien ja nicht mehr unbedingt erforderlich. Wichtig ist aber zu betonen, dass auch virtuelle Freundschaften gemeinsame Interessen als Grundlage brauchen: Man steht etwa auf dieselben Manga-Comics oder spielt das gleiche Online-Game.

Gibt es denn auch Gefahren bei rein virtuellen Freundschaften?

Ja, beispielsweise wenn man sich im Netz über ein gemeinsames Hobby oder Interesse kennenlernt und dann vielleicht etwas auf die virtuelle Person projiziert, was gar nicht stimmt. Trifft man diese Person dann schließlich auch im echten Leben, kann man leicht enttäuscht werden, weil dieser Mensch dann doch gar nicht so sympathisch ist, wie man dachte.

Was können weitere Gefahren von virtuellen Beziehungen sein?

Neben der Enttäuschung beim echten Treffen, kann es auch zu Cybermobbing kommen. Wenn sich jemand einem vermeintlichen Freund anvertraut und zum Beispiel sagt, dass er wegen einer schlechten Schulnote niedergeschlagen ist, kann der falsche Freund daraufhin einen Screenshot der Nachricht in einer Whatsapp-Gruppe oder woanders verbreiten. Und schon denken alle: Was ist denn mit dem los? Schafft der die Schule etwa nicht? Bei so einem Vertrauensmissbrauch geht eine Freundschaft schnell in die Brüche – allerdings auch eine offline geführte.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung bei virtueller Freundschaft?

Die sehe ich in den unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Viele fühlen den Druck, ständig aufs Smartphone schauen zu müssen, weil sich die andere Person eine direkte Reaktion wünschen könnte. Von engen Freunden erwartet man ja mitunter Messenger-Antworten innerhalb von Sekunden, während man bei anderen Freunden und bei Bekannten gelassener ist. Da fühlt man sich up to date, wenn man nur passiv ihre Posts verfolgt. Freunde sollten also untereinander klären, wie sie miteinander kommunizieren möchten.  

Über Ingo Leven:

Ingo Leven ist Co-Autor der Shell-Jugendstudie 2015. Für die repräsentative Studie wurden 2.558 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern zu ihrer Lebenssituation und ihren Einstellungen befragt.

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