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#30Jahrespäter

Fremdenfeindlich? Das ist das falsche Wort.

Quelle: privat

Gesine, 22 Jahre

Die Autorin Katharina Warda ist eine Schwarze Ostdeutsche. Ihre Erfahrungen der Wendezeit kommen in den Geschichtsbüchern nicht vor. Mit ihrem Audioprojekt „Dunkeldeutschland“ gibt sie sich selbst und anderen, denen es ähnlich geht, eine Stimme.

Quelle: Alena Schmick

Du bist in den 1980ern als Tochter einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters geboren und in der Kleinstadt Wernigerode in Ostdeutschland aufgewachsen. Worüber identifizierst du dich?

In meiner Arbeit und meinem Engagement bezeichne ich mich als Person of Color oder als Schwarze Ostdeutsche. Ich bezeichne mich auch als Unterschichtenkind. Einen Großteil meines Lebens wurde ich diskriminiert wegen der finanziellen Situation meiner Familie und der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Diese Erfahrungen sind bis heute Teil meiner Identität.

Was bedeutet es für dich, ostdeutsch zu sein, welche Erfahrungen verbindest du damit?

Meine Erfahrungen sind stark vom Wendechaos und dem gesellschaftlichen Umbruch geprägt. Einerseits von den Erinnerungen an die Normalität, den Alltag in der DDR, andererseits vom Systemwechsel, dem Chaos und der Perspektivlosigkeit der Wende. Dazu gehören die „Westeuphorie“, aber auch die Arbeitslosigkeit meiner Eltern und die Folgen für meine Familie.

Welche Folgen waren das?

Meine Mutter wurde depressiv, mein Stiefvater war Alkoholiker und brachte sich um. Mich prägen auch Erfahrungen, die meine Familie nicht gemacht hat, ich aber: rechtsextreme Gewalt und ein rassistischer Alltag, aber auch Punkrock, Exzess und Eskalation. Wäre ich woanders aufgewachsen, hätte ich all diese Erfahrungen so nicht gemacht. Daher ist das Ostdeutsche ein wichtiger Teil von mir. Im Alltag wird mir aber das Ostdeutsch- und Deutschsein oft abgesprochen. Bis ich nach Berlin zog, wurde ich häufig von fremden Personen auf der Straße gefragt, wo ich herkomme. Wenn ich sage, aus Wernigerode, wird das nicht akzeptiert. Sie bohren so lange nach, bis eine Information kommt, mit der sie mich als Fremde einteilen können. Obwohl ich genauso ostdeutsch oder deutsch bin wie die Person, die gefragt hat.

Findest du deine Erfahrungen auch in der „kollektiven Erinnerung“ an die Wiedervereinigung und die Nachwendezeit wieder – also vor allem im Rahmen der Aufarbeitung in den Medien?

Wenn man über den Osten spricht, kommen Erfahrungen von Schwarzen und PoC aus dem Osten nicht vor. Dabei gibt es genug PoC, die seit Jahrzehnten über den Osten sprechen und versuchen, vielfältige ostdeutsche Erfahrungen in die Medien zu bringen. Wenn sie gehört werden, werden sie nur als Einzelbeispiele und nicht als „normale“ Ostdeutsche behandelt. Im gesamtdeutschen Zusammenhang ist die ostdeutsche Sichtweise also eine weiße Sichtweise. Das wird so nicht gesagt, aber ganz selbstverständlich angenommen.

Was geht dadurch verloren?

PoC gibt es seit Jahrhunderten in Deutschland. Es gab Schwarze und andere nicht weiße Menschen auch in der DDR, das war und ist keine einheitlich weiße Gesellschaft. Schwarze Ostdeutsche haben genauso ostdeutsche Erfahrungen gemacht wie weiße Ostdeutsche. Zusätzlich erleben sie Rassismus. Typisch ostdeutsche Erfahrungen waren beispielsweise Arbeitslosigkeit und Jobsuche nach der Wende. Schwarze hatten zusätzlich mit rassistischer Diskriminierung bei der Jobsuche zu tun. Das taucht aber in der Erzählung über die Wiedervereinigung nicht auf. Gerade in den 1990ern waren auch rassistische und rechtsextreme Gewalt Riesenthemen und lebensbedrohlich für viele Menschen. Auch ich habe mich ständig in einer möglicherweise lebensgefährlichen Situation gesehen. Nicht nur durch eigene, sondern auch durch Erfahrungen von anderen. Diese Gewalt, die Täter*innen und die Angst vor ihnen gehören zur ostdeutschen Geschichte dazu. Viele Geschichten fehlen da, etwa jüdische und linke Sichtweisen, aber auch und vor allem die Geschichten von Schwarzen und PoC. Es ist ironisch, denn einerseits gilt der Osten als Ort rechter Gewalt, andererseits geht man davon aus, dass der Osten weiß ist. Und da frage ich mich immer: Merkt ihr nicht den Widerspruch? Wie kann denn der Osten ein Ort für rechte Gewalt und Rassismus sein, wenn es angeblich keine PoC gibt? Ein Beispiel dafür ist die ARD-Doku „Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land“. Dort wird die Geschichte der Wiedervereinigung durch Erfahrungen von vielen unterschiedlichen Personen erzählt. Aber es sind alles weiße Personen.

Was bedeutet eigentlich weiß, Schwarz und Person of Color?

Mit den Bezeichnungen und Schreibweisen ist es ähnlich wie beim Gendern: Es gibt bislang keine allgemeingültige Lösung. Weiß, Schwarz und PoC wird vor allem von Betroffenen bzw. dann verwendet, wenn es um Rassismus geht.

Person of Color (PoC) ist eine Formulierung, die aus dem Englischen übernommen wurde. Sie ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von der weißen Mehrheitsbevölkerung als fremd, aber nicht unbedingt als Schwarz wahrgenommen werden. Der Begriff wird also von und für Menschen verwendet, die von Rassismus betroffen sind.

Warum ist hier aber von weißen und Schwarzen Menschen die Rede? Mit weiß ist keine Hautfarbe, sondern eine gesellschaftspolitische Norm und Machtposition gemeint. Der Begriff wird als Gegensatz zu People of Color verwendet. Dabei müssen sich weiße Menschen nicht zwingend selbst als weiß oder privilegiert fühlen.

Auch bei Schwarz handelt es sich nicht um die Beschreibung einer Hautfarbe, sondern um eine politische Selbstbezeichnung. Auch diese Bezeichnung und seine Schreibweise ist aus dem Englischen (Black) übernommen. Es geht also auch hier nicht um eine „biologische“ Eigenschaft, sondern um gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten – um das deutlich zu machen, wird die im Deutschen für Adjektive unübliche Großschreibung verwendet.

* Bis heute ist es zum Teil schwierig, die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten im Osten und im Westen zu vergleichen, da diese Zahlen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich erfasst werden. Etwa ab 2001 sind höhere Zahlen in den östlichen Bundesländern wissenschaftlich nachweisbar

In Deutschland werden Schwarze Menschen in den Medien wenig gezeigt und sind auch in der Politik kaum vertreten. Hattest du als Kind Schwarze Vorbilder und eine Community?

Es gab absolut keine Community. Ich hatte auch keine Schwarzen Vorbilder und habe sie bis heute nicht. Als Kind habe ich viel Fernsehen geguckt, aber Schwarze Personen gab es nur im US-amerikanischen Fernsehen. In den 1990ern schauten wir alle die Bill-Cosby-Show, die erstmals eine Schwarze Familie aus der Mittelschicht als Hauptpersonen hatte. Dort Schwarze als normale Menschen zu sehen, fand ich gut, aber ihre Situation war weit weg von mir.

Wieso? Wie sah dein Alltag aus?

Wir waren die typischen Wendeverlierer: Meine Eltern waren Fabrikarbeiter in der DDR, mit der Wiedervereinigung verloren sie ihre Arbeit. Beide kamen überhaupt nicht klar mit den neuen Verhältnissen. Die Probleme, für die ich in der Zeit gern ein Ventil oder Antworten gehabt hätte – Depression, Alkoholismus, Suizid – gab es in der Bill-Cosby-Show nicht. Der Widerspruch zwischen der Show und meiner Familie zeigt, dass Schwarze nicht automatisch die gleichen Erfahrungen machen. Es gab zwar PoC in meiner Stadt, aber ich habe mich nicht automatisch mit ihnen verbunden gefühlt. Erst seitdem ich in der Öffentlichkeit stehe, vernetze ich mich mit PoC aus dem Osten, um mich mit ihnen über Rassismuserfahrungen auszutauschen.

In deinem Projekt „Dunkeldeutschland“ geht es um die persönlichen Erfahrungen verschiedener Menschen aus Wernigerode, deiner Heimatstadt, während der Wiedervereinigung. Warum heißt das Projekt „Dunkeldeutschland“?

Mit dem Wort – als Schimpfwort für DDR und Osten – bin ich aufgewachsen. Angeblich ist es entstanden, weil es in der DDR keine Straßenreklamen gab und dadurch im Gegensatz zum Westen nachts die Straßen dunkel waren. Damit wurde eine wirtschaftliche Rückständigkeit angedeutet. Gerade in der Zeit der Wiedervereinigung hat man sich damit über den Osten lustig gemacht und ihn abgewertet. 2015 verwendete es der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, als er zu Recht die rassistische und rechte Gewalt bei den Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in Heidenau verurteilte. Dabei drückte er eine moralische Rückständigkeit des Ostens aus. Es gibt also ein „dunkles“ Deutschland, das Deutschland der Hetzer*innen, Täter*innen und Anstifter*innen, und dem gegenüber steht ein „helles“ Deutschland des bürgerschaftlichen Engagements. Alles Schlechte in Deutschland kommt scheinbar aus dem Osten, ohne das dann mal genauer zu betrachten oder das Problem zu lösen. Was tatsächlich in Ostdeutschland passiert, wird davon überdeckt. Geschichten der Opfer von rechter Gewalt oder wie die meiner Punkclique und von vielen anderen bleiben dabei „im Dunkeln“ – deshalb erzähle ich sie in meinem Projekt.

Wenn ostdeutsche Personen oder Orte in den Schlagzeilen sind, dann oft wegen rechtsextremer und rassistischer Vorfälle. Woher kommt das einseitige Bild, das viele von Ostdeutschland und Ostdeutschen haben?

Einerseits gab es im Osten meiner Wahrnehmung nach schon vor der Jahrtausendwende mehr Vorfälle*. Andererseits unterscheidet sich die Berichterstattung über die Gewalt. Wird über Fälle von rechter und rassistischer Gewalt in Westdeutschland gesprochen, werden oft einzelne Orte wie Hanau oder Solingen als Beispiele genannt. Geht es um Rechtsextremismus in Ostdeutschland, spricht man eher über „den Osten“. In der gesamtdeutschen Erzählung über den Osten kommen auch wenig andere Themen vor.
Außerdem wird so getan, als betreffen diese Vorfälle die Gesamtgesellschaft nicht. Geht es um rassistische und rechtsextreme Gewalt, wird zwischen „uns Normalen“ und „den Anderen“ unterschieden: Es geht aber nicht um „Fremden“ oder Ausländer*innen, denn auch Deutsche, nämlich Schwarze Deutsche, erleben Rassismus. Die Opfer werden mit der Bezeichnung Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit zu „Anderen“ gemacht. „Wir“ als Gesellschaft haben mit beiden Gruppen vorgeblich nichts zu tun Das Fremdmachen sagt den Opfern: Ihr und eure Erfahrungen seid nicht normal. „Wir Normalen“ haben aber auch mit den Tätern nichts zu tun. „Wir“ als Gesellschaft haben kein Rassismusproblem, sondern es gibt nur einzelne Rassist*innen. Durch dieses Wegschieben auf „die Anderen“ wird das Problem Rassismus nicht ernst genug genommen. Stattdessen brauchen wir eine ehrliche und direkte Auseinandersetzung mit diesen Problemen, innerhalb Ostdeutschlands und in ganz Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch!

Katharina Warda (35) ist Autorin mit den Schwerpunktthemen Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und Punk und schreibt eine Doktorarbeit zu Tagebuch-Blogs und marginalisierten Identitäten in Berlin und Princeton, USA. Gerade arbeitet sie an einem kritischen Podcast zum Osten und ihrem Projekt „Dunkeldeutschland“, das über biografische Geschichten ihrer ehemaligen Punk-Clique die Wendezeit ihrer Heimatstadt von den sozialen Rändern aus erzählt.

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