Quelle: Unsplash: Matthew Waring
#grenzwertig
Hilfeangebote

"Kein Problem ist zu klein oder zu groß"

Carolina, 24 Jahre

Mit Problemen muss niemand alleine bleiben. Es gibt viele Hilfsangebote für Betroffene von sexuellen Grenzverletzungen und anderen belastenden Situationen. Wir haben mit Jeanine Rücker von der „Nummer gegen Kummer“ darüber gesprochen, was euch bei einem Beratungsgespräch erwartet und wie euch geholfen werden kann.

 

 

 

 

Jeanine Rücker arbeitet bei
„Nummer gegen Kummer e.V.“,
einem kostenfreien Beratungsangebot
für Kinder, Jugendliche und
Eltern in ganz Deutschland.
Sie ist Fachberaterin für das
Kinder- und Jugendtelefon
sowie das Elterntelefon.

Weswegen sie anrufen, kann ganz unterschiedlich sein. Es geht um Mobbing, Liebeskummer, Probleme in der Schule, Streit mit den Eltern oder Freunden oder eben auch schlimmere Dinge wie Vergewaltigungen oder Missbrauchsfälle. Wir führen darüber Statistiken, die zeigen, dass das Thema Sexualität im letzten Jahr das zweithäufigste Anliegen der Kinder und Jugendlichen nach psychosoziale Themen (z.B. Mobbing) war. Es gibt zwar auch die Kategorie „Gewalt und Missbrauch“, aber wir können nicht genau dokumentieren, was den Kindern und Jugendlichen passiert ist, um ihre Anonymität zu wahren. Unsere Berater sind offen für alle Anliegen und wir sagen immer: Kein Problem ist zu klein oder zu groß, um bei uns besprochen zu werden. Alle Anrufer*innen werden ernst genommen und wir versuchen, im gemeinsamen Gespräch weiterzuhelfen.

Es meldet sich ein Berater oder eine Beraterin und fragt, wie er oder sie weiterhelfen kann. Die Anrufer*innen fragen oft, ob sie wirklich alles ansprechen können. Einige haben Angst, dass ihre Eltern von dem Gespräch erfahren könnten. Das ist natürlich nicht der Fall. Die Berater*innen versichern den Jugendlichen dann, dass sie das Thema ernst nehmen, es zwischen ihnen bleibt und niemand sonst davon erfahren wird. Dann entwickelt sich ein Gespräch zwischen den beiden, die Berater*innen zeigen Verständnis für die geschilderte Problematik und stellen immer wieder Fragen, um sicherzugehen, dass sie auch alles richtig verstanden haben. Sie versuchen dann Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

Ja, das ist sehr schwierig. Für die Berater*innen ist es auch schwierig, das auszuhalten. Wir sind aber nicht meldepflichtig, was sexuelle Straftaten angeht. Wir sind nur verpflichtet, Dinge zu melden, die in die Kategorie „schwere Straftat“ fallen, wie zum Beispiel Amokläufe. Aber auch das können wir nur weitergeben, wenn wir Hinweise haben, wann und wo etwas stattfinden wird. Leider gehört Missbrauch nicht zu diesen „schweren Straftaten“ und da gilt die Schweigepflicht. Auch, um die Anrufer nicht in noch schwierigere Situationen zu bringen. Wenn sich jemand anvertraut und wir dann sofort die Polizei vorbeischicken, kann das sehr schlimm für die Betroffenen sein. Es ist eher die Aufgabe der Berater*innen, den Kindern und Jugendlichen Mut zu machen, sich Hilfe zu suchen. Bei Missbrauch sagt man ihnen auch, dass es nicht richtig ist, was mit ihnen passiert ist, sie das nicht mit sich machen lassen müssen, es Hilfe für sie gibt und sie zur Polizei gehen sollten. Man überlegt dann auch gemeinsam, wie es weitergehen könnte.

Also speziell für die Nummer gegen Kummer würde ich sagen, bräuchte man mehr finanzielle, personelle und strukturelle Unterstützung, damit wir 24 Stunden täglich erreichbar sind. Im Moment kann man bei uns Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr anrufen und das Ganze wird durch Ehrenamtliche getragen, was auch toll ist. Aber bei manchen kreisen die Gedanken gerade abends oder nachts und da wäre es gut, wenn wir dann noch Hilfe anbieten könnten. Ansonsten braucht es mehr Öffentlichkeitsarbeit, damit die Kinder und Jugendlichen auch wissen, an wen sie sich wenden können.

Durch Hinweise auf unsere Hilfsangebote versuchen wir, präventiv zu arbeiten, damit die Betroffenen sich Hilfe suchen, bevor sie ganz tief in der Krise stecken. Wenn die Anrufer*innen mögen, können sie uns auch die ersten Nummern ihrer Postleitzahl geben, damit sie sich an eine Beratungsstelle in ihrer Nähe wenden können.

Ich würde sagen, dass es immer hilfreich sein kann, sich mit jemandem auszutauschen. Dadurch bekommt man eine neue Perspektive auf seine aktuelle Situation. Es hilft, mit seinen Problemen nicht alleine zu bleiben, sich jemandem anzuvertrauen und die Probleme auch zu benennen. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man einmal ausspricht oder aufschreibt was einen bedrückt. Alleine das kann das Gedankenwirrwarr schon auflösen. Außerdem schadet es nicht, sich Hilfe zu suchen! Die Probleme werden dadurch ja nicht größer. Bei der Nummer gegen Kummer, ob per Telefon oder E-Mail, wird alles vertraulich behandelt und wir versuchen gemeinsam eine Lösung zu finden. Dann hat man das Problem benannt, weiß vielleicht mehr, worum es einem geht und kann versuchen, es zu lösen oder sich weitere Hilfe zu suchen.

Darüber reden hilft: Das Kinder- und Jugendtelefon der „Nummer gegen Kummer“ bietet kostenlose und anonyme Beratung, montags bis samstags von 14-20 Uhr unter der Nummer 116 111. Samstags werden die Anrufe von den Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ angenommen. Online-Beratung gibt es, anonym und kostenlos, unter www.nummergegenkummer.de rund um die Uhr per E-Mail und im Terminchat (Dienstag und Freitag: 10 – 12 Uhr, Mittwoch und Donnerstag: 14 – 18 Uhr).

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