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Eins, zwei, blau

Bei Whatsapp hängen wir alle am Haken. Oder: an zwei blauen Häkchen. Die hat der Chat-Dienst nicht ohne Grund eingeführt.

Die Geschichte

Betrachten wir die Evolution digitaler Ausreden für Funkstille, müssen wir bis zum knochengroßen Handy mit Antenne und schwarz-weißem Display zurückgehen. "Ich hatte kein Geld auf dem Handy" – ein Klassiker, dem man nicht widersprechen konnte, waren 15 Euro Guthaben doch ein Betrag, den man nicht so leicht veräußern konnte. Zu Zeiten, als Akkus noch eine Woche hielten und jede SMS tatsächlich ein Beziehungsinvestment war, konnte man auch gerne mal sagen: "Meine Antwort hätte sowieso nicht in die 160 Zeichen gepasst" … und log nicht einmal.

Mit der SMS-Flat wuchs das Gefühl ständig geforderter Erreichbarkeit. "Oh, entschuldige, ich habe gar nicht aufs Handy geschaut" war trotzdem noch eine legitime Antwort auf die vorwurfsvolle Frage des anderen, warum er keinen Neuzugang im Postfach habe.

Spätestens seit Smartphone, Internet-Flat und Co. sind unsere Augen im Bus, in der Uni und sogar bei Freunden auf dem Sofa auf's Display gerichtet. "Ich habe die Nachricht nicht gelesen" hat endgültig Glaubhaftigkeit und Wirkung verloren.

Doch nicht genug, denkt sich der weltweit beliebteste Chatanbieter Whatsapp und führt im November 2014 die blauen Häkchen ein. Zuvor war ein graues Häkchen die Bestätigung, dass eine Nachricht an den Server übermittelt wurde, zwei graue Häkchen garantierten, dass die Nachricht auf das Empfängerhandy zugestellt wurde. Zwei kleine Symbole, durch die wir neue Welten der nonverbalen Kommunikation betreten. Und nun haben wir den Salat, möchten wir einmal nicht direkt antworten, weil uns Zeit oder die richtigen Worte fehlen.

Das Problem

Die Macher von Whatsapp, mit rund 1.000 Millionen aktiven Nutzern (Stand Februar 2016) die am meisten verwendete Chat-App der Welt, installierten das Update nicht ohne Hintergedanken. Und an unseren Nutzen haben sie dabei bestimmt nicht gedacht. Denn mal ehrlich, wozu müssen wir unbedingt wissen, ob unser digitales Gegenüber unsere Nachricht schon gelesen hat? Bei Terminänderungen in letzter Minute mag es praktisch sein. Aber sonst?

Nein, es geht natürlich um wirtschaftliche Gesichtspunkte, wie auch Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, in der Zeitung Die Welt urteilte. Für ihn besteht nämlich eine direkte Verbindung zwischen der technischen Neuerung und dem Nutzerverhalten.

Denn wenn wir wissen, dass unser Chat-Partner sieht, dass wir seine Nachricht bereits gelesen haben, erhöht das laut Montag bei uns den Druck, ihm schnell zu antworten und – betrachtet man es im Großen und Ganzen – stets antwortbereit zu sein. Diese Aufforderung zur ständigen Erreichbarkeit und zügigen Antwort lässt uns die kleine grüne App noch öfter öffnen, benutzen und beschleunigt so unseren täglichen Datenaustausch.

Whatsapp möchte also kaum unsere Online-Ehrlichkeit fördern. Vielmehr soll die Neuerung vor allem solche Nutzer ansprechen, die generell unsicher sind und schnell an der Loyalität und Zuneigung anderer zweifeln. Sehen sie, einen unbeantworteten Text mit blauen Häkchen verstärken sich ihre Selbstzweifel – obwohl es ja viele Gründe für eine verzögerte Antwort geben kann.

Die Lösung

Jeder Mensch kommuniziert anders und geht anders mit den blauen Haken um. Fest steht aber: Verrückt machen müssen wir uns wegen der Features moderner Apps nicht, seien es die Häkchen oder die "Zuletzt Online"-Funktionen von Facebook, Tinder und anderen digitalen Plattformen wie Telegram.

Es ist gar nicht nötig, Nachrichten nur noch im Flugmodus zu lesen oder ungeöffnet im Postfach liegen zu lassen, wenn man dort eigene Grenzen setzt, wo App-Anbieter grenzenlos denken. So kann man Chat-Partnern beispielsweise im Vorfeld erklären, dass eine verzögerte Antwort nicht böse gemeint ist und dadurch möglichen Missverständnissen vorbeugen.

Gerade in Beziehungen können auch Emojis helfen, Dramen zu vermeiden. So kann das in Strömen weinende Rundgesichter beispielsweise symbolisieren, dass man gerade sehr gestresst ist, das Hand-in-Hand-Freundinnen-Symbol kann bedeuten, dass die Quality-Time mit der besten Freundin gerade vorgeht.

Und ob man es glaubt oder nicht: Nach einem Update von Whatsapp kann man die umstrittene Funktion auch einfach ausschalten, wobei man sich damit allerdings auch selbst die Möglichkeit nimmt, die Chat-Partner zu kontrollieren.

Aber das ist es wert, wenn dafür Schluss ist mit "Wieso war sie um 2:04 Uhr noch wach, hat aber nicht geschrieben?" und "Ich habe doch eine Frage gestellt, wo bleibt trotz blauen Haken die Antwort?". Solche Gedanken machen nur unglücklich und keinesfalls schlauer. Und wer wirklich mutig ist, der deinstalliert Whatsapp und Co. einfach und kehrt zur SMS zurück.

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